Kammer


Einige Mitglieder des Homophilharmonischen Orchesters Berlin – concentus alius sind auch kammermusikalisch aktiv. Seit 2003 findet jährlich im Herbst ein kammermusikalischer Nachmittag oder Abend als private Veranstaltung statt: für die Mitwirkenden selbst und für geladene Gäste.

 

Entsprechend den Veranstaltungsorten – es ging los im Ballhaus Naunynstraße, dann folgten das Rudolf-Steiner-Haus und das ehemalige jüdische Waisenhaus in Pankow – nannten wir unsere hausmusikalischen Kammerkonzerte »hausmusik im ballhaus«, »hausmusik im steinerhaus« oder »hausmusik im waisenhaus«. Diese Namensgebung haben wir, obwohl die dann folgenden Veranstaltungsorte, nämlich die Mendelssohn-Remise, das Café »Wilde Oscar« und seit 2015 die Ölberg-Kirche, das gar nicht mehr nahelegten, beibehalten – quasi als Markenzeichen.

 

Eine 2005 für eine amtliche Anfrage formulierte und deshalb vielleicht etwas nüchtern anmutende Darstellung beschreibt unsere Aktivität so:

 

Es handelt sich um kammermusikalische Abende oder Nachmittage unter der Überschrift »hausmusik im …«.

Mitwirkende sind haus- und kammermusikalisch aktive Laienmusiker und -musikerinnen, die ihre häuslich erarbeiteten Kammermusik-Stücke einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren, als dies in den begrenzten eigenen vier Wänden möglich wäre. Eingeladen werden musikinteressierte Freundinnnen und Freunde sowie Verwandte – aber auch die Nachbarschaft ist herzlich willkommen.

So wird ein Stück real gelebter klassischer Musikkultur außerhalb des gewohnten offiziellen Konzertbetriebs erlebbar, und zwar besonders auch für jene, die den Weg in klassische Kammermusikveranstaltungen sonst eher scheuen – also: Kammermusik (fast) hautnah und ganz selbstverständlich.

 

Soweit die allgemeine Beschreibung. Näheres ist auf den folgenden Seiten unter Musik zu finden.

 


Musizieren

 

Ein Begriff und eine Tätigkeit, die früher zu jedem guten Hause in Deutschland gehörten. Zu den beiden alten Sprachen [Latein und Griechisch?] kam als dritte ganz selbstverständlich die Musik hinzu: in jeder guten [sic!] Familie lernte von den Kindern eines oder mehrere Klavier, eines oder mehrere Geige oder gar Bratsche, seltener schon Cello: ein Privatquartett oder mindestens ein Trio daheim war keine Seltenheit. Man musizierte eben, weil man fühlte, dass bei dem Selbermachen doch noch etwas anderes herauskam als beim bloßen Hören von Konzerten.

 

Es ist viel über den bürgerlichen Dilettantismus gescholten worden, der sich hier entfaltete. Aber worüber ist in diesem Lande nicht überheblich gescholten worden, in dem die Leute nach Lichtenbergs leider immer noch gültigem Wort eher lernen, die Nase zu rümpfen als sie zu putzen. Gewiss hat es viel überflüssige Musik in Privathäusern gegeben: auf der anderen Seite konnte man viele der wesentlichsten Dinge von den sehr begabten Kompositionen des Prinzen Louis Ferdinand, der bei Saalfeld fiel, bis zu den wirklich modernen Dingen nur beim Musizieren daheim hören, weil sie in öffentlichen Konzerten nun einmal nicht auf den konservativen Programmen erschienen. Gewiss haben viele Leute über die nächtlichen Ruhestörungen durch die leider musikalischen Nachbarn geklagt: es ist aber immer noch besser, eine Geige oder ein Klavier auch etwas nach 10 Uhr noch hören zu müssen als die klappernde Seelenlosigkeit eines Grammophons oder eines lautsprechenden Radios [oder die wummernde Bässe einer Disco-Anlage].

 

Viel wichtiger aber noch ist das Selbstmusizieren durch die Erfahrungen, die nicht die Hörer, sondern die Spielenden dabei machen. Es ist nämlich so, dass beim Spielen sagen wir einer Händelsonate für Geige und Klavier bei der Ausführung in jedem der Mitwirkenden geheimnisvoll ein ganz klein bisschen vom inneren Lebenstempo des großen Hallenser Musikers lebendig wird: nicht nur der Geiger reißt die Töne aus den Saiten, sondern der Strom dieser Töne, den noch der schwächste kleine Spieler nicht völlig umbringen kann, reißt ebenso ihn mit: er wird, ob er will oder nicht, kann oder nicht, gepackt vom Ingenium dieser Musik, die ihn über sich selbst hinausträgt in eine ferne Ahnung dessen, was einmal um den Ursprung solch einer Sonate und ihres unentrinnbaren Rhythmus war. Wer ein Ding, noch so sorgsam und großartig gespielt, nur hört, bleibt draußen, ist zur Passivität verurteilt: wer selbst musiziert, wird hineingerissen in die Welt dessen, der Musik hat in ihm selbst. Er begreift etwas von dem, was Musik von innen, nicht bloß von außen ist – und das ist das Wichtige. Es ist viel wichtiger noch als das, was er beim Zusammenspiel mit anderen lernt, nämlich sich einem Ganzen einzufügen, Rücksicht zu nehmen, sich halb ein-, halb unterzuordnen.

 

aus: Paul Fechter, Kleines Wörterbuch für Musikgespräche, 1953, S. 201ff